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Freie Software in der Verwaltung

Bereits seit Jahrzehnten spielt Freie, Open Source Software (FOSS) eine immer größere Rolle in der Wirtschaft, insbesondere im Zusammenhang von Unternehmen die digitale Dienstleistungen bieten. So beträgt der Marktanteil von GNU/Linux Systemen auf Servern und „der Cloud“ aktuell über 80%. Darauf aufbauend bestehen auch die meisten Webtechnologien und Softwarekomponenten in diesem Bereich aus Freier Software. Und auch die 500 stärksten Supercomputer dieser Erde nutzen inzwischen ausschließlich Betriebssysteme die auf die Freie Software GNU/Linux setzen. Nicht zuletzt macht der Siegeszug der Freien Software auch nicht vor unserem Alltag halt. Die meisten von uns kommen fast täglich mit FOSS in Kontakt, ohne dies zu bemerken. [1, 2]

So ist es wenig verwunderlich, dass sich Freie Software langsam aber sicher auch in unseren Verwaltungen und Institutionen verbreitet. Ein Projekt, welches aktiv genau dafür wirbt ist die Kampagne „Public Money? Public Code!“ der Free Software Foundation Europe.

Öffentliche Gelder? Öffentlicher Code!

ein gläsernes Parlamentsgebäude im Comic-Stil
Grafik aus dem Public Money? Public Code Projekt

Die Forderungen der „Public Money? Public Code!“ Kampagne (zu deutsch: „Öffentliche Gelder? Öffentlicher Code!“) sind simpel: Immer dann, wenn Steuergelder oder andere staatliche Gelder dafür verwendet werden Software und digitale Infrastruktur zu beschaffen, sollte diese auch unter einer Freien Software Lizenz stehen und damit allen zu gute kommen.

Neben erhöhter Transparenz für Bürger:innen soll diese Maßnahme unter anderem die Sicherheit der Informationen und die Unabhängigkeit des Staates von multinationalen Unternehmen verbessern, während ganz nebenbei noch Steuergelder gespart und die digitale Vernetzung von Verwaltungen im nationalen und internationalem Kontext vorangetrieben werden könne. [3]

Eine Vielzahl von Einzelpersonen, Vereinen und sogar einige Verwaltungen haben sich dem Aufruf des Projekts bereits angeschlossen. Das Augenmerk liegt hierbei aber natürlich bei staatlichen Stellen und Kommunen. Und das mit vollem Erfolg! Immer mehr Verwaltungen stellen ganz oder teilweise auf Freie Software um, viele stellen auch neue Dienstleistungen für ihre Bürger:innen in Form von Freier Software bereit.

Freie Software in der Verwaltung

Vorstöße in deutschen Verwaltungen

Insbesondere durch die Corona-Pandemie haben öffentliche Stellen erkannt, dass Freie Software viele Vorteile und Flexibilität bietet, um Bürger:innen schnell und effektiv zu helfen. So hat die Stadt Bühl gleich zu Beginn der Corona-Pandemie eine eigene Videokonferenzplattform auf Basis der Freien Software „Jitsi Meet“ geschaffen, damit Bürger:innen sich einfach und sicher digital treffen können. Aus dem Vorstoß der Stadt entstand eine Initiative aus mehreren Kommunen, welche gemeinsam an der Implementierung Freier Standards und Dienstleistungen arbeiten und sich gegenseitig bei der Umsetzung unterstützen. [4, 5]

Ebenso entstand in den vergangenen Jahren um die Initative DO-FOSS der Stadt Dortmund die Bundeslandübergreifende Plattform Open CoDE, auf der Software für öffentliche Verwaltungen programmiert, geteilt und sich darüber ausgetauscht werden kann. Begleitet wird dies mit einem entsprechenden Beschluss der Stadt Dortmund zukünftige Softwareanschaffungen der Allgemeinheit unter einer Freien Software Lizenz bereitzustellen. Bereits jetzt listet die Plattform mehrere Dutzend Softwareprojekte und legt den Grundstein für weitere transparente Entwicklung und die Digitalisierung der Verwaltungen. Dies steht im Einklang mit der Idee des Projekt „Ein Ort für öffentlichen Code“, dem sowohl Interessensverbände als auch Arbeitskreise mehrerer Kommunen angehören. [6, 7]

Auch die Kreisverwaltung Marburg-Biedenkopf engagiert sich bereits seit 2014 darum Freie Software in die Verwaltungen zu bringen. In einem vom Bundesinnenministerium unterstützen Pilotprojekt soll hier beispielsweise die Zusammenarbeit von Bürger:innen und Verwaltung gestärkt werden. [8, 9]

Freie Software auf dem Vormarsch

Obwohl es bereits erste gute Ansätze und Erfolge gibt, ist noch viel zu tun in deutschen Verwaltungen. Doch die Ambitionen bezüglich des Themas sind hoch gesteckt. So hat sich die 2020 gewählte Stadtregierung in München voll und ganz dem Ziel der Freien Software in der Verwaltung verschrieben. Überall dort, wo dies möglich ist, soll von nun an neue Softwareanschaffungen aus Freier Software bestehen. Langfristig soll außerdem alte, proprietäre Software mit Freien Lösungen ersetzt werden. Ebenso geht es die Stadt Hamburg an, die vermehrt auf Freie Software in der Verwaltung setzen möchte. [10, 11]

Freie Software in Europa

Im Europäischen Ausland ist man bezüglich der Digitalisierung im Allgemeinen aber auch der Nutzung von Freier Software im Speziellen oftmals bereits einen Schritt weiter als in Deutschland.

So stieg das italienische Militär bereits im Jahr 2016 von Microsoft Office auf die Freie Softwarelösung „LibreOffice“ um. Hierbei wurde nicht nur einfach die Software ausgetauscht, sondern auch Freie Dokumentstandards flächendeckend umgesetzt. Auch auf kleinerer Ebene sind italienische Kommunen bereits frühzeitig auf Freie Open Source Software umgestiegen. [12]

Ebenso stellte das französische Militär nur zwei Jahre später die interne Kommunikation auf das dezentrale und Ende-zu-Ende verschlüsselte Open Source Messaging-System „Matrix“ um (besser bekannt unter der Chat-Applikation Element). Davon abgesehen ist Frankreich und der französische Staat im Speziellen bereits viele Jahre in der Freien Software Gemeinschaft engagiert und setzt sich dort für Lösungen staatlicher Institutionen ein. [13, 14]

In Spanien folgte die Region Austurien und die Stadt Barcelona dem Aufruf zur Freien Software in der Verwaltung. Beide Verwaltungseinheiten treiben die Implementierung Freier Software in Spanien voran. Im schweizer Kanton Uri kommt ebenso Freie Software zum Einsatz. In einem erfolgreichen Pilotprojekt wurden Bauanträge auf eine Open Source Lösung umgestellt. Die selbe Lösung soll nun in weiteren Teilen der Schweiz, beispielsweise in Bern, zum Einsatz kommen. [15, 16, 17]

Anfang diesen Jahres hat die Europäische Komission eine „Erklärung zu den europäischen digitalen Rechten und Grundsätzen“ veröffentlicht. Essenzieller Teil hiervon ist der Einsatz Freier Software zur Schaffung von Transparenz öffentlicher Institutionen. Vor wenigen Wochen begannen zudem zwei Projekte der Komission zur Föderung der öffentlichen Kommunikation: Das auf der Freien Socialmedia Plattform „Mastodon“ basierende „EU Voice„, sowie die auf „Peertube“ basierende Videoplattform „EU Video„. [18]

Fortschritte

Ganz ohne Zweifel ist Freie Software auf dem Vormarsch, nicht nur was unser alltägliches Leben und die Wirtschaft angeht, sondern auch nach und nach in unseren Verwaltungen und Behörden.

Auch wenn europäische Verwaltungen bezüglich der Digitalisierung noch einen langen Weg vor sich haben, so sind die bisherigen Bestrebungen zur Nutzung Freier Software durchaus erfreulich. Auch die Vorstöße der Europäische Kommission sind als positiv aufzufassen, geben sie doch maßgeblich einen Rahmen vor, an dem sich nationale und europäische Institutionen orientieren können.

Vielmehr können wir den Rückstand in der Digitalisierung sogar als Chance begreifen unsere Verwaltungen Grund auf mit transparenten Lösungen und gemeinschaftlicher Arbeit an Software im paneuropäischen und internationalen Rahmen sehen. Die Zukunft gehört gemeinschaftlich finanzierter und genutzter Software. Ganz nach dem Motto: öffentliche Gelder? Öffentlicher Code!

Quellen

  1. W3Techs (2022): Usage statistics of operating systems for websites. URL: https://w3techs.com/technologies/overview/operating_system (30.07.2022)
  2. Top500 (2022): Operating System – Systems Share. URL: https://www.top500.org/statistics/overtime/ (30.07.2022)
  3. Free Software Foundation Europe (2017): Public Money? Public Code! – Offener Brief. URL: https://publiccode.eu/de/openletter/
  4. Stadt Bühl (2020): Palim! Palim! URL: https://www.buehl.de/de/Stadt-Buerger/Unsere-Stadt/Aktuelles-Presse/Stadtnachrichten/Stadtnachricht?id=1662
  5. Free Software Foundation Europe (2022): Deutsche Verwaltung ist re@di für den Einsatz von Freier Software. URL: https://fsfe.org/news/2022/news-20220602-01.de.html
  6. Schäfer, Till (2022): Open CoDE – der öffentliche Ort für Code ist da. URL: https://blog.do-foss.de/kolumne/open-code-der-oeffentliche-ort-fuer-code-ist-da/
  7. Free Software Foundation Europe (2020): Kollaborative Freie Software Plattform für Verwaltungen – Interessenverbund stellt Konzept vor. URL: https://fsfe.org/news/2020/news-20200910-01.de.html
  8. Laumer, Ralf (2016): Modell für Open Government. URL: https://www.kommune21.de/meldung_30363_on.html
  9. Bundesministerium des Inneren (2018): Marburg-Biedenkopf steht Modell. URL: https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/marburg-biedenkopf-steht-modell-1550280
  10. Free Software Foundation Europe (2020): 100 Tage ‚Public Money? Public Code!‘ in München. URL: https://fsfe.org/news/2020/news-20200810-01.de.html
  11. Free Software Foundation Europe (2020): Stadt hamburg setzt verstärkt auf Freie Software. URL: https://fsfe.org/news/2020/news-20200610-01.de.html
  12. Mastrolonardo, Raffaele (2016): From Microsoft to LibreOffice: How Italy’s military is starting its march to open source. URL: https://www.zdnet.com/article/from-microsoft-to-libreoffice-how-italys-military-is-starting-its-march-to-open-source/
  13. Hodgson, Matthew (2018): Matrix and Riot confirmed as the basis for France’s Secure Instant Messenger app. URL: https://matrix.org/blog/2018/04/26/matrix-and-riot-confirmed-as-the-basis-for-frances-secure-instant-messenger-app
  14. Free Software Foundation Europe (2020): Etalab zeigt, wie Freie Software für den öffentlichen Sektor verfügbar gemacht werden kann. URL: https://fsfe.org/news/2020/news-20200609-01.de.html
  15. UDS Enterprise (2019): Asturias is committed to using Free Software in public administration. URL: https://www.udsenterprise.com/en/blog/2019/02/12/asturias-committed-free-software-public-admin/
  16. City of Barcelona (2018): Open code technologies for achieving full technological sovereignty. URL: https://ajuntament.barcelona.cat/digital/en/digital-transformation/technology-for-a-better-government/open-source-software
  17. Free Software Foundation Europe (2021): Von Uri über Bern: Freie Software wird die Welt revolutionieren. URL: https://fsfe.org/news/2021/news-20210318-01.de.html
  18. Europäische Kommission (2022): Erklärung zu den europäischen digitalen Rechten und Grundsätzen. URL: https://digital-strategy.ec.europa.eu/de/library/declaration-european-digital-rights-and-principles
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Jan ist Mitgründer von ViOffice. Er kümmert sich insbesondere um die technische Umsetzung und Wartung der Software. Seine Interessen liegen insbesondere in den Themengebieten Sicherheit, Datenschutz und Verschlüsselung.

Neben seinem Studium der Volkswirtschaftslehre, später der angewandten Statistik und seiner daran anknüpfenden Promotion, hat er jahrelange Erfahrung im Bereich Softwareentwicklung, Opensource und Serveradministration.