Plattformökonomie & Digitale Monopole

Was sind “digitale Monopole”, welche Risiken haben sie für Nutzende und wieso helfen uns kleine Internetakteur:innen in dieser Situation?

„Die Vereinigten Staaten haben die GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon), China hat die BATX (Baidu, Alibaba, Tencent, Xiaomi). Und Europa? Wir haben die GDPR (General Data Protection Regulation – Datenschutzgrundverordnung)“[1]

Dieses Zitat stammt von dem amtierenden französischen Präsidenten, Emmanuel Macron, aus einem Interview im Dezember 2020, in dem er auf die Ambivalenz zwischen der europäischen Abhängigkeit von internationalen Technologiekonzernen und der Wichtigkeit funktionierender Datenschutzregeln hinweist.

Nachdem wir bereits ausführlich in unserem Blog auf das Thema Daten- und Informationssicherheit eingegangen sind, konzentrieren wir uns diesmal auf den ersten Teil des Zitats: Digitale Monopole multinationaler Konzerne.

Was ist ein Monopol?

Ein Monopol ist eine Marktstruktur, in der Marktmacht auf der Angebotsseite besteht, da nur ein einziger Anbieter oder Produzent vorhanden ist. Möglich ist dies insbesondere in Form von staatlichen Monopolen, wie etwa bei der Landesverteidigung oder, bis vor einigen Jahren in Deutschland, bei der Post und Telekommunikation, oder durch das Vorhandensein eines sogenannten natürlichen Monopols. Im wirtschaftswissenschaftlichen Sinne entsteht ein natürliches Monopol oftmals dann, wenn durch hohe Fixkosten und besonders niedrige marginale Kosten steigende Skalenerträge entstehen. Fixkosten sind Kosten, die sich in der Regel über einen längeren Zeitraum nicht verändern und somit (kurzfristig) nicht direkt abhängig von der produzierten Menge sind. Dazu zählen beispielsweise Mietkosten. Im Gegensatz dazu sind marginale Kosten, auch Grenzkosten genannt, die Kosten, die durch die Produktion einer zusätzlichen Einheit des produzierten Gutes entstehen. Steigende Skalenerträge meint wiederum, dass in der Konsequenz der produzierte Output schneller steigt als der dazu eingesetzte Input.

Treten diese Faktoren auf, so kann ein Unternehmen ein nachgefragtes Gut günstiger als mögliche Mitbewerber:innen anbieten, wodurch diese Konkurrent:innen wiederum aus dem Markt gedrängt werden. Ein natürliches Monopol entsteht.

In der Praxis kommen reine Monopole nur sehr selten vor. In einem Quasi-Monopol gibt es nicht nur einen Anbieter oder Produzenten, sondern mehrere, wobei ein Produzent durch einen Wettbewerbsvorteil eine starke marktbeherrschende Position genießt.

Was bedeutet Plattformökonomie?

Im engeren Sinne meint der Begriff Plattformökonomie ein digitales Geschäftsmodell, in dem Produzent:innen und Konsument:innen auf einem Marktplatz online zusammentreffen. Die bekanntesten Beispiele sind vermutlich die Plattformen Amazon oder auch Alibaba. Diese Firmen bieten dabei klassischerweise „nur“ die Plattformen, auf der die eigentlichen Marktteilnehmer per Onlinehandel tätig sind. Wenn auch nicht ganz so offensichtlich, können die übrigen Konzerne der GAFA oder BATX ebenso als Plattformökonomien bezeichnet werden. Die Suchmaschinen Google und Baidu und die sozialen Netzwerke Facebook und Tencent sind in dem Kontext Unternehmen, „die mit der Aufmerksamkeit ihrer Nutzer handeln und damit Werbungtreibende und Beworbene zusammenbringen“[2]. Die einzigen Ausnahmen bilden dabei Apple und Xiaomi, die traditionell auch eigene Hardware und Endgeräte, wie Smartphones, Laptops und Tablets herstellen.

Inwiefern hängen Plattformökonomien und digitale Monopole miteinander zusammen?

Die Beantwortung dieser Frage kann ebenfalls mit einem passenden Zitat des zeitgenössischen Philosophen, Richard David Precht, eingeleitet werden:

„Der Plattformkapitalismus revolutionierte die liberale Ökonomie und veränderte ihre Spielregeln so stark, dass heute von liberaler Ökonomie und freien Märkten vielfach nicht mehr die Rede sein kann. Nicht nur beherrschen sehr wenige Formen sehr große Teile des bedeutendsten Marktes, wie allgemein bekannt, sondern diese Firmen sind nun selbst der Markt“[3]

Doch worin liegt die beobachtete Monopolbildung in diesen Branchen begründet? Wie so oft, gibt es eine Vielzahl an Ursachen, die hierbei angeführt werden können. Zuvor haben wir bereits die theoretischen Gegebenheiten der Monopole skizziert, kurz: steigende Skalenerträge. Nehmen wir also an, die teure digitale Infrastruktur, die Konzerne der Plattformökonomien aufbauen müssen, sind die Fixkosten. Dazu gehören beispielsweise die großen Serveranlagen, Miet- oder Bürokosten. Die Grenzkosten sind deshalb sinkend, da es für jeden zusätzlichen Handeltreibenden auf der Plattform keiner eigenen Infrastruktur bedarf. Somit sinken für jeden weiteren Nutzenden der Plattform im Gegenzug die Kosten für das Unternehmen, das diese Plattform bereitstellt. Daraus resultieren steigende Skalenerträge.

Verstärkend kommt hinzu, dass der Ort, an dem die entsprechende Infrastruktur lokalisiert ist, für das Geschäftsmodell nicht direkt relevant ist. Somit können mögliche (künftige) Konkurrent:innen einfach aufgekauft und in die eigene Plattform integriert werden, um die eigene marktbeherrschende Stellung zu schützen. Als bekanntes Beispiel kann hierbei der Aufkauf von Instagram und WhatsApp durch Facebook genannt werden.

Zudem kann dadurch nicht nur die (Quasi-)Monopolstellung im eigenen Sektor ausgebaut, sondern die eigene Geschäftstätigkeit in Bereiche anderer Plattformökonomie ausgeweitet werden, was zur Bildung von riesigen, multinationalen, digitalen Konzernen führt, die nicht nur Marktmacht in einem, sondern mehreren Sektoren haben. So ist Google beispielsweise schon lange nicht mehr nur eine Suchmaschine, sondern der Konzern hat unter anderem bereits 2006 das hierzulande bekannteste Videoportal YouTube aufgekauft.

Außerdem sind in den letzten Jahren zunehmend Tendenzen hin zur sogenannten „vertikalen Integration“ erkennbar. Vertikale Integration ist der Fachbegriff dafür, wenn Unternehmen durch den Aufkauf oder eine Fusion von anderen Unternehmen in der eigenen Lieferkette oder Verarbeitungsstufe versuchen in weitere Geschäftsbereiche vorzudringen. Um dies zu verdeutlichen, richten wir einmal mehr unseren Blick auf Amazon. Amazon bietet nicht mehr lediglich die Handelsplattform, sondern produziert (oder lässt produzieren) mehr und mehr Produkte, die auf dem digitalen Marktplatz angeboten werden einfach selbst.

Welche Auswirkungen hat diese Situation letztendlich auf die Nutzenden?

Steigen wir erneut in die volkswirtschaftliche Theorie ein, spricht man von einem sogenannten Wohlfahrtsverlust. Die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt setzt sich aus der Summe der Produzenten- und der Konsumentenrente zusammen. Während die Produzentenrente die Differenz zwischen dem gleichgewichtigen Marktpreis und dem Mindestpreis, um rentabel zu bleiben, widerspiegelt, ist die Konsumentenrente der Preis, den Konsumenten bereit sind zu zahlen und ebenfalls dem gleichgewichtigen Marktpreis, den sie tatsächlich zahlen müssen. Monopole jedoch können den realen Preis über diesem Gleichgewichtspreis ansetzen, um damit ihre Produzentenrente zu erhöhen, d.h. der Produzent gewinnt einen Teil der Konsumentenrente für sich und der Konsument verliert. Allerdings geht dabei ein Teil sowohl für den Produzenten als auch den Konsumenten verloren, der Wohlfahrtsverlust.

Praktisch ausgedrückt, die Produzenten verfügen über Marktmacht und die Nutzenden, d.h. wir alle, die die genannten Plattformen nutzen, erleiden daraus offensichtliche, oder zumeist auch weniger offensichtliche, Nachteile, wie überteuerte Preise oder ökonomische und soziale Abhängigkeiten, die dazu führen, dass beispielsweise unsere Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte untergraben werden können.

Um zu verdeutlichen, dass es sich dabei nicht um eine hypothetische Problematik handelt, ist es an der Stelle sinnvoll darauf hinzuweisen, dass insbesondere im Jahr 2020 die Kartellbehörden, die für Verstöße gegen den freien Wettbewerb zuständig sind, in aller Welt mehr und mehr dazu übergehen rechtliche und politische Schritte gegen solche Marktmacht und deren Ausnutzung zum Nachteil von Nutzenden einzuleiten. Die USA haben kürzlich sowohl klagen gegen Facebook als auch Google eingeleitet, ebenso wie das deutsche Bundeskartellamt. Auch Australien und Großbritannien haben eigene Verfahren gegen Facebook und Google am Laufen.[4] Ähnliche Verfahren strebt aktuell die EU-Kommission gegen Amazon an.[5] Die seit 2018 geltende Datenschutzgrundverordnung kann ebenso als ein Ausdruck der Eindämmung des Missbrauchs von Marktmacht verstanden werden, auch wenn der Fokus dabei explizit auf dem Datenschutz allgemein liegt.

Wie genau ist dazu die Haltung von ViOffice?

Im Gegensatz zu den genannten Unternehmen ist ViOffice ein kleines, junges Start-Up. Wir sind jedoch selbst ein digitales Wirtschaftsunternehmen, dementsprechend können wir nicht als unabhängige Instanz in dieser Diskussion fungieren. Es geht uns also in keinster Weise darum, diese Konzerne anzuprangern oder eine abschließende Bewertung zu Einzelfällen vorzunehmen. Wir möchten lediglich anhand der bekanntesten Beispiele über das Thema informieren und auf existierende Probleme in diesem Zusammenhang hinweisen.

Darüber hinaus möchten wir die Gelegenheit nutzen, das Thema allgemein, unabhängig von einzelnen Beispielen, in unsere eigene Firmenphilosophie einzuordnen. Die offensichtlichen Nachteile, die aus einer Monopolbildung von Plattformökonomien für die Gesellschaft entstehen, sind einer der Gründe, weshalb wir uns deutlich für die flächendeckende Nutzung von Freier Software aussprechen. Freie Software ist transparent und kann ohne Einschränkung von allen verwendet werden. Neben vielen weiteren Vorteilen für die Nutzer:innen, vermeidet Freie Software einen Lock-In Effekt, der ein Wechsel zu einer anderen Software oder anderen Anbieter:innen zu einem späteren Zeitpunkt erschwert. Es schafft also keine langfristige Abhängigkeit von den eigenen Diensten, was einer Monopolbildung widerspricht.

Letztlich bieten wir einfache und nützliche Werkzeuge zu angemessenen Preisen, welche sich primär an unseren Kosten und an realistischer, nachhaltiger Zukunftsorientierung messen. Unser Preismodell zielt hierbei weder darauf ab, ganze Marktsegmente zu dominieren, noch auf eine eiserne Gewinnoptimierung. Wir streben durch Solidaritätspreise sozialen Ausgleich und Teilhabe an, ohne hierbei Kompromisse der Funktionalität einzugehen. Ausführlicher gehen wir auf unsere Unternehmenswerte im Blogeintrag zu Corporate Social Responsibility ein.

Quellen

  1. Emmanuel Macron im Interview mit Niklas Zennström auf der Atomico State of European Tech Report 2020. Online unter elysee.fr [09.12.2020].
  2. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2017): Plattformökonomie und Crowdworking. Eine Analyse der Strategien und Positionen zentraler Akteure. In: Forschungsbericht 500. Online unter bmas.de [November 2017].
  3. Richard David Precht (2020): Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, Goldmann Verlag. Das Zitat basiert auf der Analyse von Philipp Staab (2019): Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Suhrkamp Verlag.
  4. Simon Hurtz (2020): Der wilde Plattformkapitalismus geht zu Ende. In: Süddeutsche Zeitung. Online unter sueddeutsche.de](https://www.sueddeutsche.de/digital/google-facebook-klagen-regulierung-1.5152755) [19.12.2020].
  5. Alexander Göbel (2020): EU wirft Amazon Kartellverstöße vor. In: tagesschau.de. Online unter tagesschau.de [10.11.2020].
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